Du oder Sie? – Teil 2: Eine Image-Frage

Ich duze mich ja auch viel und gerne. Doch, wirklich! Da, wo ich es passend finde. Zum Beispiel bei Parties im Freundeskreis, in meinem Frauen-Netzwerk, im Fitness-Studio, im Karneval und vor dem Kneipentresen sind in meinen Augen auch alle gleich. Kurz: Überall da, wo man gemeinsame Interessen hat, sich auf Augenhöhe begegnet und wo niemand (viel) an mir verdient. Was für mich gar nicht geht, ist die Kombi Duzen und Teures. Vielleicht liegt das an Ikea. Da habe ich schon in meiner Kindheit gelernt, dass „Du“, „Billy“ und die kleinen Preise zusammengehören.

Natürlich duze ich mich auch im beruflichen Umfeld mit einer ganzen Reihe von Menschen. Wichtigste Voraussetzung ist dabei für mich, dass ich die Person tatsächlich kenne. Das geht aber offenbar nicht allen so. „Hallo Ihr Lieben“ – mit diesen Worten begann eine Einladung zu einem Info-Abend für eine Coaching-Ausbildung, die mir kürzlich ins Postfach flatterte. Mal abgesehen davon, dass ich schon eine Coaching-Ausbildung absolviert habe und bereits als Coach tätig bin – habe ich bei diesem Angebot eher an Bauchtanz oder an Wünschelruten-Training gedacht. Coaching ist ein ernsthaftes Business, bei dem es gerade auch um einen sensiblen Umgang mit Nähe und Distanz geht. Dazu sollte auch die Ausschreibung stimmig sein, dann wirkt sie professionell. 

Ebenfalls mit „liebe Astrid“ war die Anfrage einer renommierten PR-Agentur überschrieben, die mich als Stilberaterin für eine Veranstaltung buchen wollte. Unterschrieben war die Mail mit einem Kosenamen. Wer macht Geschäfte mit „Mausi“? Ich nicht! Dafür habe ich nicht meine Konzepte entwickelt, wie Frauen im Beruf ernstgenommen werden.

Gefragt sind Empathie und Fingerspitzengefühl

Fazit: Auch wenn duzen jetzt total „hip“ ist und sich Normen tatsächlich verschieben, gibt es ein paar NoGos. Wildfremde Menschen im Geschäftsleben zu duzen ist ein Schuss, der leicht nach hinten losgehen kann, denn Sie wissen noch nicht, mit wem Sie es zu tun haben – und was diese Person mit Ihrem freundlich gemeinten „Du“ so alles assoziiert. Sobald Sie jemandem gegenüberstehen und in direktem Kontakt sind, können Sie hier viel besser einschätzen, welche Ansprache passt und welche nicht. Vorsicht und Einfühlungsvermögen sind hier angesagt. Die sehr junge Aushilfe in meinem Lieblings-Weinhandel hat kürzlich gezeigt, wie das (fast) gelingen kann: Zuerst hat Sie mich munter geduzt, dann – während ihre Worte immer leiser wurden – nachdenklich mein Gesicht studiert. Daraufhin hat sie tief Luft geholt und den in der zweiten Person Singular begonnenen Satz nochmal ganz neu angesetzt, jetzt mit „Sie“. Ich nehme an, sie hat in der Zwischenzeit meine Falten gezählt …

Chance für einen eigenen Stil

Du_SelbstbildDie neue Regellosigkeit ist also gar nicht „easy“, sondern sogar anstrengender als die klaren Normen der Vergangenheit. Sie fordert uns viel ab an Achtsamkeit, Empathie und Fingerspitzengefühl. Andererseits bietet sie jedem einzelnen jedoch einen großartigen Freiraum, sich zu positionieren und einen persönlichen Stil, eine Art individuelle Corporate Identity zu entwickeln. Fragen Sie sich: Wer bin ich? Wie will ich wirken? Bei wem möchte ich einen positiven Eindruck machen? Und was will ich in einer bestimmten Situation erreichen? Daraus ergibt sich der Umgang mit Du oder Sie. Ein Coaching kann helfen, hier eine stimmige eigene Position zu finden. Wichtig: Tue es nicht aus Versehen oder weil es alle machen, sondern tun Sie es bewusst!

Du oder Sie? – Teil 1: Neulich im Hotel

Du oder Sie? – Teil 3: Arbeitsplatz ist anders!


No Dresscode – Was nun?

Zuerst Daimler, dann Rewe und jetzt auch bei der New Yorker Investmentbank Goldman-Sachs: Der klassische Business-Dresscode ist aufgehoben! Bei Start-ups und in der IT-Branche heißt es eh schon länger: „Das Anzug- und Krawatte-Spiel machen wir nicht mit!“ Jetzt gilt also auch bei Konzernen: No Dresscode. 

Foto_DresscodeAber was nun anziehen? Die klassischen Kleiderregeln waren leicht zu befolgen: Anzug plus helles Hemd plus Krawatte plus schwarze (!), feine Lederschuhe. Eine Uniform, hinter der Mann sich gut verstecken konnte. Ein Dresscode ist tatsächlich so etwas wie eine Formel, die die in einem bestimmten Umfeld erwünschte Kleidung beschreibt. Dresscodes können explizit formuliert werden (z. B. „Black Tie“auf der Einladung zu einer Gala) oder auch etwas unausgesprochen Übliches sein.

Fällt jetzt der gesetzte Rahmen durch die Business-Formel weg, besteht die Gefahr, dass routinierte Anzugträger stilistisch ins Bodenlose fallen. Sind die Alternative Jeans und Schlabberpullover, mit der der Manager samstags einkaufen geht? Weil sie wohl ahnen, dass es das nicht sein kann, halten zumindest in den deutschen Führungsetagen die Herren bei der neuen Lässigkeit den Ball flach: Sie tragen ihre gewohnten Anzüge und Hemden und lassen einfach nur die Krawatte weg. 

Die neue Freiheit zeigt sich als Lücke

Damit haben sie aber einen neuen Dresscode entwickelt. Die Formel lautet jetzt: Anzug plus weißes Hemd minus Krawatte. Die neue Freiheit zeigt sich hier also nur in Form einer Lücke. Schade! Auch deshalb, weil das weiße Hemd ohne Krawatte vitale Alpha-Tiere plötzlich blässlich aussehen lässt. Weiß ist leider eine Farbe, die nur wenigen Menschen gut steht. Bei der bislang gültigen Männeruniform wurde die bleichende Wirkung von weißen Hemden durch die farblich meist dunklere und kräftigere Krawatte abgemildert. Jetzt fehlt da etwas …

Freiheit und Individualität sehen anders aus. Jaaa, in der Post-Dresscode-Ära geht es mehr denn je darum, eine individuell stimmige Kleider-Lösung zu finden! Wenn die vorgeschriebene Uniform keine Entschuldigung mehr bietet für Kleidungsstücke, die dem Träger oder der Trägerin nicht stehen, dann müssen karriereinteressierte Menschen die Entdeckungsreise zum eigenen Stil antreten. Welche Farben? Welche Materialien? Auch Muster? Welche Kleidungsstücke und Accessoires überhaupt? Moderne Business-Kleidung passt zur Persönlichkeit und zu den eigenen Farben und Körperstrukturen.

Tipps für Männer

  • Probieren Sie unbedingt neue Hemdenfarben aus. Alles, was dunkler und bunter ist als Weiß. Vorschlag für Vorsichtige: Nehmen Sie ein strahlend hellblaues Hemd, die Farbe steht relativ vielen Menschen gut, also wahrscheinlich auch Ihnen.
  • Ziehen Sie ganz neue Kleidungsstücke in Betracht, um Ihre Individualisierung voranzutreiben: Pullover und Pullunder, Lederjacken und hochwertige (!), gut sitzende T-Shirts, schöne Schals, gut sitzende Westen, falls Sie ein klassischer Typ sind.

Tipps für Frauen

Für Frauen ist die neue Lässigkeit etwas einfacher, da ihre Kleidervorschriften schon immer mehr Varianten zugelassen haben. Aber auch für Frauen bietet die neue Lässigkeit Fallstricke, die ihr Image als ernsthafte Führungskraft beschädigen können:

  • Vermeiden Sie im beruflichen Kontext unbedingt alles Niedliche wie z. B. Blümchen und kleine Rüschen.
  • Experimentieren Sie stattdessen lieber mit kräftigen Farben und derb-stabilen Schuhen, die strahlen Autorität aus.

Overknees: Holly goes ligthly to business

Vor einigen Tagen war ich zu einer Veranstaltung eingeladen, bei der ein Unternehmen eine Auszeichnung verliehen bekam. Es war eine ganz normale Business-Veranstaltung am Nachmittag. Zwei Frauen, die dabei in vorderster Reihe standen (die eine eine Staatssekretärin!), trugen eine Kombi aus Mini-Rock und Overknee-Stiefeln. Zu meiner eigenen Überraschung fand ich das nicht nur schick, sondern sogar völlig in Ordnung für den Anlass.

Overknees_4Overknee-Stiefel sind in diesem Winter ein breiter Trend: Von Deichmann bis Balenciaga finden sie sich in jeder Kollektion. Dennoch betrachtete ich sie bis zu jenem Nachmittag doch eher als ein Accessoires für Groupies oder Dominas. Wegen der drohenden Gefahr einer vulgären Note habe ich im beruflichen Umfeld immer kategorisch von Overknees abgeraten. Das eine Mal, dass die modebewusste Theresa May welche trug, kombinierte sie sie ja auch sicherheitshalber mit einem Rock, der lang genug war, das obere Ende der Stiefel zu verdecken. Aber – echt jetzt – zum Minirock und das bei einem Business-Event, einem quasi öffentlichen Auftritt?

So „entschärfen“ Sie die gefährlichen Stiefel

Um mein ausbleibendes Entsetzen zu verstehen, habe ich die Erscheinung der beiden Business-Ladies genauer studiert: Mir fiel auf, dass sie beide sehr schlank sind und wenig Kurven haben. Dadurch wirkte der Look nicht provokant sexy, sondern erinnerte eher an die raffiniert elegante Ästhetik der langen Handschuhe von Audrey Hepburn alias Holly Golightly in „Frühstück bei Tiffany“.

Folgende Tipps, wie sich Overknees für den Business-tauglichen Einsatz noch „entschärfen“ lassen, habe ich aus meiner Betrachtung abgeleitet:

  • Die Stiefel sollten flach sein oder nur einen niedrigen Absatz haben.
  • Insgesamt sollte der Stiefel möglichst schlicht und von dunkler Farbe sein, am besten aus Wildleder, das ist eleganter als „rockiges“ Glattleder.
  • Auch den Rest des Outfits schlicht, edel und ladylike halten, z. B. Etuikleid oder leicht ausgestellter Rock mit einem hochgeschlossenen, langärmeligen Oberteil.
  • Die Strumpfhose muss dunkel sein und am besten blickdicht.

Ja, stimmt, supersexy ist das Outfit bei Befolgung dieser Vorsichtsmaßnahmen nicht mehr. Aber wenn Sie beim Styling der Overknees so vorgehen, können Sie Ihre Business-Garderobe um ein spannendes Teil und Ihr Image um einige interessante Aspekte bereichern: Neben der Erinnerung an die smarte Holly Golightly kommunizieren Sie damit auch einen Touch von Robin Hood und Lederstrumpf. Sie machen klar: Ich weiß mich zu verteidigen, ich trau mich was und ich kämpfe für eine gute Sache! Und das kann Ihrer Karriere nur nützen …